Den Schlüssel zum Erfolg finden
Volksverdummung oder Erfolgsrezept? Die Frage nach Sinn und Unsinn von Motivationsveranstaltungen
bewegt die Gemüter. Noch besteht das Interesse an Höller und Co.:
In diesem Jahr lockte
Höllers Motivationstag aber nur 4.000 Besucher nach Stuttgart.
von Sibylle Kallwitz, Redakteurin der Zeitschrift PERSONAL magazin
Den Schlüssel zum Erfolg finden

„Wenn wir sparen, bezahlen wir uns selbst. Andernfalls bezahlen wir
nur andere.“ – „Wir brauchen keine Leute, die alles besser
wissen, sondern solche, die auch etwas können.“ – „Wichtig
ist, zu handeln. Menschen, die nur träumen, sind die Erfolglosen.“ – „90
Prozent aller Verkäufer wären Single, wenn sie in der Liebe so handeln
würden, wie sie es im Umgang mit ihren Kunden tun.“
Die Erkenntnisse von Erfolgstrainern wie Bodo Schäfer, Nikolaus B. Enkelmann,
Jürgen Höller und Hans-Uwe L. Köhler klingen plausibel. Und
sie haben eines gemeinsam: Sie sollen motivieren. Zu was? Zu positivem Denken.
Warum? Positives Denken beschert Erfolg in allen Lebenslagen. Auf dieser denkbar
simplen Theorie basieren die Botschaften, zu deren Verkündung Hunderte,
wenn nicht gar Tausende von Erfolgssüchtigen pilgern.
Motivation als Triebmotor
„Motivation ist ein Gefühl und gehört zum grundlegenden Lebensgefühl“,
sagt Christina Worms vom Institut für Energologie (IFE) in Hannover. „Sie
ist die Kraft zum Leben, quasi der Triebmotor für das, was wir leben und
wie wir es leben.“ Das gelte auch im Unternehmensalltag, so die Geschäftsführerin
des Instituts, das sich mit der Forschung über jede Form von Energie im
Ursprung beschäftigt. Letzteres mag erklären, warum Unternehmen verstärkt
ihre Mitarbeiter, mitunter sogar die ganze Verkaufsabteilung zu einer Motivationsveranstaltung
schicken. Das Ziel: Sie sollen Anreize erhalten, mehr, schneller und besser
zu arbeiten.
Lässt sich Motivation an einem Tag erlernen? Halten die rhetorisch geschickt
verpackten Erfolgsweisheiten wirklich, was sie versprechen? „Letztlich
bringen diese Veranstaltungen niemandem etwas“, meint der Münchener
Managementtrainer und Therapeut Klaus Eidenschink und erklärt: „Erfolg
ist kein Bedürfnis, sondern Ersatz für etwas. Beispielsweise für
die innere Leere oder ein Gefühl der Minderwertigkeit.“ Diese Probleme
könnten durch die Teilnahme an einem Erfolgstraining nicht gelöst
werden. Dennoch seien gerade diese Menschen für jeden „äußerlichen
Schnickschnack“ und damit für die Erfolgsregeln der Motivationstrainer
besonders empfänglich: „Denn hier hören sie genau das, was
sie hören wollen“, so Eidenschink weiter. Es sei kein Wunder, dass
viele der Besucher mit dem Gefühl, „Jetzt bin ich wieder motiviert“,
nach Hause gingen. „Hierbei handelt es sich aber bestenfalls um ein Strohfeuer“,
so die Einschätzung des Therapeuten. Es sei unwahrscheinlich, dass das
positive Gefühl auf Dauer anhalte.
Auch für Probleme, die bei der täglichen Arbeit auftauchen, scheint
die Teilnahme an einem Erfolgstraining kein Patentrezept darzustellen. Hierzu
Worms: „Massenveranstaltungen können nur pauschal vorgehen. Individuelle
und inhaltlich spezifische Aspekte wie Probleme der Kommunikation oder Organisation
werden nur selten berücksichtigt.“
Was die Teilnehmer erhalten, sind Impulse: „Jeder kann davon mitnehmen,
was er für geeignet hält. Und das hängt von den individuellen
Interessen, der Aufnahmefähigkeit und der Konzentrationsfähigkeit
des Einzelnen ab“, erläutert Worms. Ob und wie der Teilnehmer das
Aufgenommene im Sinne des Unternehmens umsetze, sei ebenfalls individuell und
könne auf einer Großveranstaltung allenfalls sehr bedingt gelenkt
werden.
In eine andere Rolle schlüpfen
Sind die Veranstaltungen damit überflüssig? Für die Fans offensichtlich
nicht. Schließlich kommen sie freiwillig und in Scharen zu den Zusammenkünften.
Sie nehmen lange Anfahrtswege in Kauf, opfern bereitwillig ihr Wochenende und
lassen sich den Spaß, einen Tag mit Jürgen Höller zu verbringen,
zwischen 99 und 799 Mark kosten.
Die Begeisterung der Besucher bei den Treffen wie in der Stuttgarter Schleyer-Halle
spricht ebenfalls für sich. Die Gesichter der Teilnehmer strahlen Zuversicht
aus. Die einen hängen gebannt an den Lippen des Vortragenden, die anderen
schreiben akribisch jede Verlautbarung mit. Und wenn Jürgen Höller,
unterstützt von kraftvoller Bassmusik, zum Körpereinsatz auffordert,
hält es kaum jemanden auf dem Stuhl. Das „Wir-Gefühl“ ist
förmlich greifbar: Menschen, die sich nie zuvor gesehen haben, verlieren
jegliche Berührungsängste, klopfen sich gegenseitig auf die Schulter
und versichern sich optimistisch: „Wir sind erfolgreich!“
Für Eidenschink handelt es sich um ein massenpsychologisches Phänomen: „Die
Menschen fühlen sich vorübergehend anders, als sie eigentlich sind,
und schlüpfen in eine neue Rolle.“ Seda Akgül, Unternehmensberaterin
bei PMS Personal Masters Systems in Hannover, ergänzt: „Die Teilnehmer
fühlen sich durch die Gruppendynamik gestärkt. Es entsteht eine regelrechte
Masseneuphorie.“
Ernüchterung im Alltagsgeschäft
Der Unterhaltungswert der Großveranstaltungen mag unbestritten sein.
Ebenso die Tatsache, dass viele Besucher im Anschluss überzeugt sind,
Berge versetzen zu können. Fraglich ist, wie lange die Euphorie anhält
und ob es einen Nutzen über die Veranstaltung hinaus gibt. Hierzu A. Kapur,
General-Manager im Netzwerk der Energologie und Ausbildungsleiter für
das 3dManagement an der Akademie der Energologie, Hannover: „Massenpsychologie
wirkt eigentlich nur, wenn der Input in einer bestimmten Intensität und
Dichte vermittelt wird.“ Werde ein Gefühlszustand durch eine massenpsychologische
Manipulation hervorgerufen, ließe die Wirkung sehr schnell nach“,
so Kapur weiter.
Wenn die Energie verbraucht ist, besteht die Gefahr, dass sich bei den Betroffenen
eine Leere einstellt. Denn die meisten Menschen sind nicht in der Lage, sich
das Gefühl zu erhalten oder ein ähnliches Gefühl selbst zu erzeugen. „Studien
zeigen, dass die Ernüchterung im Alltagsgeschäft ziemlich schnell
erfolgt, weil die Probleme, die der Betroffene vorher hatte, noch immer nicht
gelöst sind“, weist Akgül auf die Problematik hin.
Dennoch ist nicht auszuschließen, dass einige Zuhörer tatsächlich
einen Nutzen für ihre berufliche Tätigkeit aus dem Gelernten ziehen. „Motivationsveranstaltungen
können gerade für Verkäufer oder Vertriebsleute sehr attraktiv
sein“, nennt Therapeut Eidenschink ein Beispiel und erklärt: „In
diesem Beruf ist es notwendig, in eine Rolle zu schlüpfen. Das heißt,
Verkäufer müssen jedem Kunden genau das geben, was er will.“ Auf
den Motivationstagen könne diese Berufsgruppe lernen, die Rolle im Beruf
effektiver zu spielen.
Keine falschen Erwartungen an Großveranstaltungen stellen
Das Fazit von Worms und Akgül lautet: Gruppenveranstaltungen haben ihre
Vorteile, wenn man weiß, was sie bringen können, und keine falschen
Erwartungen an sie hat.
Geeignet sind sie
- um einen Prozess in Schwung zu bringen,
- als Event im Sinne eines gemeinsamen Erfahrungswerts,
- um eine gemeinsame Wertevermittlung beziehungsweise Zielausrichtung zu
ermöglichen.
Sie sind nicht geeignet
- um einen Prozess zum Ziel zu führen,
- um eine Analyse der Demotivationsfaktoren durchzuführen und spezifische
Interventionen zu setzen,
- um bestehende Probleme in einem Unternehmen zu lösen,
- um den einzelnen Mitarbeiter mit seinen Problemen am Arbeitsplatz oder
im Team zu erfassen,
- um demotivierte Mitarbeiter langfristig zu motivieren.
Da der Erfolg eines externen Motivationstrainings zweifelhaft zu sein scheint,
ist der Arbeitgeber gefordert. „Wer als Unternehmer seine Mitarbeiter
motivieren will, muss zunächst wissen, was sie demotiviert. Sonst ist
jede Intervention eine Symptombehandlung und keine Ursachenbehebung“,
erklärt Worms. „Langfristige Motivation setzt voraus, dass der Arbeitgeber
die richtigen Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz schafft“, ergänzt
Eidenschink. Dazu gehöre unter anderem, die notwendige Autonomie der Mitarbeiter
zu gewährleisten und die erforderlichen Arbeitsmittel zur Verfügung
zu stellen. Ebenfalls wichtig ist, dass sich die Mitarbeiter ernst genommen
fühlen. „Nur wenn die Arbeitsplatzbedingungen stimmen, sind die
Mitarbeiter motiviert“, so Eidenschink weiter.
Ist ein Ende der Motivationsveranstaltungen in Sicht? Ein Indiz könnten
die sinkenden Besucherzahlen sein, die die Motivationstage von Jürgen
Höller in letzter Zeit kennzeichnen. Im vergangenen Jahr jubelten rund
14.000 Besucher in Dortmund. Nach München kamen circa 8.000 Fans und in
Wien ließen sich jüngst gerade mal 3.000 Menschen begeistern. „Ich
denke, es handelt sich um ein vorübergehendes Phänomen, das genauso
schnell wieder verschwinden wird, wie es aufgetreten ist“, prognostiziert
der Managementberater. Der Grund: „Der Abnutzungseffekt ist zu groß.“ Statt
der Motivationstage in der heutigen Form werde es aber sicherlich wieder etwas
Neues geben. Denn: „Mit nichts ist so gut Geld zu verdienen, wie mit
dem Unglücklichsein der Menschen.“
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PERSONAL magazin 11/01
Zuerst veröffentlicht in:
PERSONAL magazin 11/01
Den Schlüssel zum Erfolg finden
Herausgeber: Rudolf Haufe Verlag GmbH & Co |
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